Nicht nur bei Ladendieben piepst es

VILLINGEN-SCHWENNINGEN Neckarquelle von Ralf Trautwein

Nicht nur bei Ladendieben piept es
Warensicherung: Fehlalarme durch „Labelsmog" / Minderwertige Klebeetiketten verursachen das Problem

Es passiert öfters als man denkt. Und es führt dazu, dass ehrliche Kunden vielerorts irrtümlich für Ladendiebe gehalten werden. Eingenähte Sicherungsetiketten, beim Kauf deaktiviert, aktivieren sich selber wieder und bringen so manchen ganz schön in Schwierigkeiten.

Das Phänomen heißt „Labelsmog“ und ist relativ neu. Es kam mit beträchtlichen Chargen minderwertiger Klebesicherungsetiketten nach Deutschland und nervt Kunden, Händler und Rainer Weingand.

Der 47-jährige Unternehmer vertreibt mit seiner Scanmarketing GmbH Video- und Warensicherungssysteme für den Einzelhandel und weiß, dass Labelsmog auch in Schwenningen eine Plage ist. Auslöser der Irritationen sind minderwertige Etiketten aus vorwiegend chinesischer Produktion, die vor allem deutsche Handelsketten im großen Stil eingekauft haben, um tüchtig zu sparen.
Nun haben die Sicherungsaufkleber, die sich prima in der Kleidung verbergen lassen, so ihre Tücken: Wenn ihr Träger sie nicht findet - was häufig vorkommt - kann es sein, dass sich das Etikett wieder aktiviert und der Kunde beim Betreten oder auch - noch verfänglicher - beim Verlassen eines Geschäfts Alarm auslöst. Schließlich sind nahezu alle Läden mit unauffälligen Funkantennen versehen, die mit den Warensicherungsetiketten kommunizieren.
„Diese Klebeetiketten haben mittlerweile einen Marktanteil von 50 Prozent“, sagt Experte Rainer Weingand. Und damit die klassischen Hartetiketten weit zurückgedrängt. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Hartetiketten können zwar nicht übersehen werden, wenn ein Kleidungsstück gekauft wird, doch kosten sie den Handelsbetrieb mehr Geld. Nicht nur der Kaufpreis liegt höher als bei den Klebern, sondern auch die Anbringung ist aufwendiger. Die Klebesicherungen sind für den Handel vor allem attraktiv, weil sie häufig schon vom Hersteller angebracht werden und das Verkaufspersonal der Händler dann nicht einmal Arbeit hat mit der Sicherung.
Auch lassen sich mit den Klebeetiketten prinzipiell Diebe leichter überraschen, denn sie können unsichtbar angebracht werden: in der Gesäßtasche beispielsweise, unter der Innensohle oder unter dem Markenlabel. Oft werden sie auch ins Kleidungsstück eingenäht.

Soweit die Theorie. Sicherheits-Unternehmer Weingand allerdings weiß aus der Praxis, dass der Schuss oft nach hinten losgeht. Weil die Klebeetiketten aus billiger Fertigung nicht zuverlässig funktionieren. In ihnen integriert ist ein Kondensator. In diesem läuft, wenn das Etikett über eine Deaktivierungsstation gezogen wird, ein chemischer Prozess ab, der die Funkfrequenz des Etiketts von 8,2 Megahertz auf Null setzt. Damit erkennt die Sicherungsantenne am Eingang das Etikett nicht mehr.

Durch Reibung, etwa unter der Schuhsohle, kann dieser chemische Prozess allerdings auch wieder rückwärts ablaufen - plötzlich ist die ursprüngliche Funkfrequenz wieder hergestellt und die Klebesicherung erneut „scharf“. Dieses Phänomen hat in den letzten Monaten enorm zugenommen. Nicht nur jenen Handelsgeschäften macht es zu schaffen, die die Billigetiketten verwenden, sondern auch den übrigen Händlern, die qualitativ einwandfreie Kleber aus US-amerikanischer Produktion einsetzen - auch ihre Antennen lösen Alarm aus, wenn ein Kunde mit einem kritischen Etikett den Laden betritt. Das regt die Geschäftsleute natürlich auf, da die Situation nicht nur für sie, sondern auch für ihre Kunden peinlich ist. Reklamationen beim Lieferanten der Sicherungsanlage sind vorprogrammiert. Doch wie sollen Ausrüster wie Weingand Abhilfe schaffen? - Ihre Anlagen funktionieren ja korrekt.
„Wir können da wenig tun, weil das Problem wirklich von jenen Firmen geschaffen wird, die die problematischen Etiketten einsetzen. Wir verkaufen ausschließlich Qualitätsetiketten, die reibungslos funktionieren, haben aber natürlich keinen Einfluss auf andere Anwender und das von ihnen verursachte Labelsmog-Phänomen.“
Um ihre ehrlichen Kunden nicht weiter zu kompromittieren, schalten daher viele Einzelhändler ihre Alarmsysteme aus. In anderen Geschäften wird die Anweisung ans Personal ausgegeben, auf Alarme nicht mehr zu reagieren und die Kunden, die ausgelöst haben, mit einer Entschuldigung durchzuwinken. Eine unbefriedigende Situation - schließlich haben damit Ladendiebe leichtes Spiel. Und das kommt teuer: Der Handelsverbandes BAG schätzt, dass sich die Schäden, die Klauer dem Handel jährlich zufügen, auf über zwei Milliarden Euro summieren.
 

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