Wenn Mitarbeiter ordentlich hinlangen

VILLINGEN-SCHWENNINGEN, Neckarquelle, von Ralf Trautwein
Wenn Mitarbeiter ordentlich hinlangen
Von wegen vier Maultaschen ... Beschäftigte plündern ihren Chef aus / Unternehmer jagt sie per Video

Über fünf Milliarden Euro Schwund verzeichnet der Deutsche Einzelhandel jährlich. Zu 60 Prozent wird der durch eigene Mitarbeiter verursacht. Auch in Villingen-Schwenningen klauen Beschäftigte bei ihren Arbeitgebern wie die Raben. Das sagt Unternehmer Rainer Weingand, Inhaber der Firma Scanmarketing GmbH. Und der Mann weiß, wovon er spricht. Schließlich verdient er sein Geld damit, Chefs dabei zu helfen, ihre unehrlichen Beschäftigten zu überführen. Angefangen hat Weingand mit dem Vertrieb von Diebstahlsicherungssystemen in Schwenningen, mittlerweise verkauft er Handelsunternehmen vor allem Videosysteme zu Besucherfrequenzmessung, aber auch zur Überwachung von sensiblen Bereichen. 

Dass in der jüngeren Vergangenheit Kleinigkeiten wie Pfandbelege über ein paar Cent oder vier Maultaschen zur Kündigung von Mitarbeitern geführt haben, entlockt Videoexperte Weingand nur ein mildes Lächeln. Er weiß, was wirklich geht. Bei rund 220 Arbeitstagen im Jahr klauen eigene Mitarbeiter ihren Bossen mehr als deren Kunden. In Deutschland verschwinden damit täglich Waren im Wert von zwölf Millionen Euro - das hat das Forschungsinstitut Retail Research errechnet. Der NECKARQUELLE erzählte Rainer Weingand von den dreisteten Mitarbeitern, die er zu überführen half. 

  • Metallverarbeitender Betrieb: Der Inhaber begann sich über den plötzlichen Dieseldurst seiner Baufahrzeuge zu wundern. Deshalb mietete er bei Scanmarketing eine mobile Videoanlage. In einen Starenkasten im Baum wurde eine Kamera installiert, das Kabel mit Tarnfarben besprüht. Nach zwei Monaten endlich ging der Diesel-Dieb in die Falle: Ein Mitarbeiter, zwölf Jahre beschäftigt, hatte in zwei 20-Liter-Kanistern Treibstoff für sich abgezweigt. Es ging vors Arbeitsgericht - Kündigung. 
  • Wellness-Club: 50 Euro Eintritt zahlt „mann“, um sich hier zu entspannen. Gar nicht entspannt reagierte der Inhaber darauf, als er Verdacht schöpfte, dass nicht jeder Schein in seiner Kasse landete. Weingand installierte eine Kamera; einen Tag lang wurde das Geschehen an der Rezeption aufgezeichnet. 25 Besucher wurden erfasst, aber nur 23 Fünfziger waren registriert. Die Rezeptionistin hatte sich bedient - Rauswurf. 
  • Baustoffhandel: Es war immer derselbe Mitarbeiter, bei dem am Wochenende 100 Euro in der Kasse fehlten. Scanmarketing wurde zu Hilfe gerufen. Zunächst wurde eine alte Kameraattrappe installiert und auf einen Warenbereich gerichtet, wo hin und wieder etwas wegkam. In der Firma wussten alle, dass es sich dabei nicht um eine echte Kamera handelte. Diese bauten Weingand und Co. dafür nachts in die Attrappe ein und richteten sie auf den Kassenbereich. Kurze Zeit später war der unehrliche Verkäufer überführt. 
  • Möbelhaus: 17 Jahre lang arbeitete der Leiter der Reklamationsabteilung schon im Unternehmen, das neben Möbeln auch hochwertige Elektrogeräte im Sortiment hat. Wenn er mal einen Kaffeevollautomaten aus dem Geschäft zu seinem Auto trug, schöpfte niemand Verdacht - alle dachten, der Mann bringe ein Austauschgerät zu einem Kunden. Tatsächlich allerdings wanderte die Maschine in eBay - über drei Konten, ermittelte schließlich die Kripo, verkaufte der Mitarbeiter das Diebesgut in einem Gesamtwert von über 70 000 Euro. Mit einer mobilen Videoanlage von Scanmarketing kam ihm sein Chef auf die Schliche. Noch in der selben Woche, in der der Langfinger aufflog, zog seine ahnungslose Frau zu Hause aus. 
  • Textilfilialist: In einer der 28 Filialen, schien dem Inhaber, stimmt etwas nicht. Hier war der Warenschwund überdurchschnittlich, wurde signifikant mehr geklaut als in den übrigen Läden. Eine mehrtägige Videoüberwachung brachte zunächst keine Ergebnisse. Die Videoanlage wurde wieder entfernt und kurz darauf nachts heimlich wieder eingebaut. So gelang es Scanmarketing, den Fall aufzuklären - die Filialleiterin höchstpersönlich hatte immer wieder ungeniert zugegriffen. Ihre Beute verkaufte sie auf Bestellung an Bekannte weiter, und natürlich über ebay, wo ihr die Polizei später rund 22 000 Euro Umsatz nachweisen konnte. Geklaut hatte sie meist nach Ladenschluss. Wenn allerdings einer ihrer Kunden dringend etwas hatte haben wollen, war sie auch am Samstagabend „mal schnell ins Geschäft gegangen“. 

„Seit es Handelsplattformen wie ebay gibt, hat das Problem Mitarbeiterdiebstahl natürlich zugenommen“, sagt Reiner Weingand. „Hier ist ein Markt entstanden. Besonders neuwertige Markenware läuft da gut, die meisten Käufer scheren sich nicht darum, wo ihre Schnäppchen herkommen.“
Dabei wirke die Kameraüberwachung bisweilen auch als „Wundermittel“, auch wenn niemand damit überführt werden können. Wie in dem Schwenninger Autohaus, in dem über die Wintermonate ein Satz Edelräder im Wert von 4500 Euro verschwunden war. Seit dort Kameras angebracht sind, ist nichts mehr weggekommen . . .

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